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Ein Mann mit weißem Imkerhut zieht den Holzrahmen mit etlichen Bienen aus der Beute. Zwei Männer, vor vergitterten Fenstern stehend, schauen zu.

Regelmäßig kontrollieren Erzieher Pascal Chopard und Patienten der geschlossenen Station 4 C/D die Bienen. Foto: LWL/ Templin

Patienten kümmern sich um 100.000 Honigbienen

Imker-Projekt soll suchtkranken Straftätern der LWL-Maßregelvollzugsklinik Schloss Haldem sinnvolle Freizeitbeschäftigung bieten - auch nach ihrer Entlassung

Vorsichtig ziehen Pascal Chopard und Tim Schmitt* den Holzrahmen mit der goldgelben Honigwabe aus der Beute. Dutzende Bienen krabbeln geschäftig darauf herum oder schwirren summend um die Schleier der weißen Imkerhüte. Konzentriert begutachten die beiden die Tiere und die gefüllten Waben. "Den Mädels geht's richtig gut hier", sagt Tim Schmitt und lächelt. Der 40-Jährige ist einer von 28 suchtkranken Patienten, die sich seit Anfang Mai abwechselnd um rund 100.000 Honigbienen im geschlossenen Teil der LWL-Maßregelvollzugsklinik Schloss Haldem kümmern.

Nun konnte der erste Honig geerntet werden. Knapp 22 Kilo schleuderten Mitarbeitende und Patienten jetzt in der Küche der geschlossenen Station 4CD. Rund 80 volle 250-Gramm-Gläser konnten befüllt werden. Dank der guten Vorbereitung hatten sich die beiden Bienen-Völker schneller als gedacht im neuen Zuhause eingewöhnt. "Die fühlen sich hier richtig wohl. Wir haben hier mit den Patienten extra eine Wildblumenwiese im Stationsgarten angelegt. Und auch rund um das Schloss, im nahen Wald, der Schlossgärtnerei und den angrenzenden Wiesen bedienen sich die Bienen", sagt Chopard.

Imkern - eine sinnvolle Beschäftigung

Der 36 Jahre alte Erzieher, der seit fünf Jahren im Pflege- und Erziehungsdienst mit suchtkranken Straftätern arbeitet, hatte das Imker-Projekt zusammen mit seinen Kollegen und Kolleginnen und der Unterstützung der Klinikleitung auf den Weg gebracht. "Durch einen Patienten sind wir auf die Idee gekommen, Bienen anzuschaffen. Ein Berufsimker. Seine Erzählungen haben uns neugierig gemacht. Und dann wurde aus der Idee eine Projektgruppe mit Kollegen und Patienten."

Etwa ein Jahr lang hatte sich die Gruppe dann auf die Ankunft der Bienen vorbereitet. Es gab regelmäßige Planungstreffen. Ein Imker aus der Umgebung unterstützte mit Ratschlägen, die Grundausstattung zur Bienenpflege wurde angeschafft. Eine Kollegin absolvierte den Imkerschein. "Mir machte leider der Lockdown einen Strich durch die Rechnung. Aber ich werde meinen jetzt nachholen", berichtet Pascal Chopard.

Die Arbeit mit den Bienen sei sehr beruhigend. "Es ist dieses monotone Summen. Manchmal setze ich mich auch einfach nur neben die Kästen. Da kommt man runter." Und das sei auch bei den Patienten so - gerade für suchtkranke Patienten, die oftmals sehr unruhig seien und Schwierigkeiten hätten, sich länger zu konzentrieren, sei der Umgang mit den Bienen sehr förderlich. "Die Patienten können sich hier in Geduld üben, zur Ruhe kommen. Und vor allem ist es eine sinnvolle Beschäftigung", so Chopard.

Patienten sind für Bienenpflege verantwortlich

Darauf liege auch der Schwerpunkt des Imker-Projektes. Nicht die Honigproduktion stehe im Vordergrund, sondern die gemeinsame Tätigkeit an den Bienen im therapeutischen Kontext, so Chopard. 

Gerade in der Zeit, in der durch die Corona-Pandemie auch in der Maßregelvollzugsklinik hohe Hygienemaßnahmen gelten und einige Freizeitaktivitäten für die Patienten eingeschränkt werden mussten, sei die Vorbereitung und Beschäftigung mit den Bienen eine willkommene Abwechslung.

"Die Bienen sind mittlerweile Thema Nummer eins hier auf der Station", erzählt auch Tim Schmitt, der sich vor seiner Straftat vor vier Jahren noch nie mit dem Thema Imkern beschäftigt hatte. "Ich habe wahnsinnig viel Respekt vor den Tieren", sagt Schmitt und wirft einen prüfenden Blick auf den so genannten Drohnenrahmen. "Hier wachsen nur die männlichen Bienen - die Drohnen - heran", erklärt er. "Wenn die Wabe voll ist, muss sie entfernt werden, weil sich hier Schädlinge einnisten können." Vor allem die für Bienen gefährliche Varroamilbe befalle bevorzugt die Drohnenbrut.

Schmitt und seine Mitpatienten sind für die Pflege der beiden Bienenvölker und die Honigproduktion verantwortlich: Sie fertigen Wachsplatten, kontrollieren die Waben, ob die Königinnen Eier gelegt haben, die Tiere gesund sind. Sie ernten den Honig, schleudern und reinigen alle Materialien.

Honig soll "Haldemer Schlossgold" heißen

In der Ergotherapie entwerfen Patienten derzeit Etiketten, die demnächst auf die Honig-Gläschen aufgeklebt werden sollen. Einen Namen für den Honig haben Stationsteam und Patienten auch schon gefunden: Haldemer Schlossgold. "Verkaufen werden wir ihn nicht. Er wird aber bei verschiedenen Anlässen verschenkt werden. Und natürlich kommen auch die Patienten in den Genuss des Honigs", sagt Chopard, der hofft, dass der ein oder andere Patient nach seiner Entlassung das Imkern als Hobby weiterführen wird.

"Für viele unserer Patienten ist die Sucht im Alltag so prägend, dass sie sich kaum mit anderen Dingen auseinandersetzen können. Es gehört auch zu unseren Aufgaben im Pflege- und Erziehungsdienst neue Interessen zu wecken und zu fördern, die Suche nach sinnvollen Beschäftigungen zu unterstützen. Das Imkern kann auch nach ihrer Zeit im Maßregelvollzug ein Hobby oder sogar eine berufliche Perspektive sein", sagt Chopard.

Auch Tim Schmitt kann es sich gut vorstellen, nach seiner Entlassung aus dem Maßregelvollzug in Freiheit zu imkern. "Aber bis dahin freue ich mich jetzt erst einmal auf das erste Honigbrot mit selbst geimkerten Honig."

* Name des Patienten geändert